Ayvalik an der Oliven Riviera
Das Leben im 19. Jahrhundert
Als vorhin das Wort «gewöhnlich» gebraucht wurde, war Ayvalik nur i
m Sinne der Verwaltung gemeint. Im sozialen Bereich galt sie immer als fleißig, reich, berühmt und mächtig.Laut statistischen Angaben von Vital Guinet, Beauftragter der osmanischen Reg
ierung, sank die Zahl der Bevölkerung im Jahr 1891 bis auf 21.666. Sie bestand aus 21.486 Griechen und 180 Türken. Diese türkische Minderheit waren Regierungs- und Sicherheitsbeamte und einige Familien. Es ist nicht auszzuschießen, daß Ayvalik einmal eine Piratenstadt gewesen sein könnte. Das mag vielleicht jetzt absurd klingen. Wie kann man Piraten als seßhaft bezeichnen. nicht? Doch, das gibt es. Die Wurzeln des Schmuggelns liegen ja im damaligen Piratentum.Wir müssen jetzt eines klarstellen: Schmuggler zusein, war damals ein genauso angesehener Beruf wie jeder andere. Die Schmuggler waren sehr gut organiesiert. Die osmanische Regierung wollte jedoch das Schmuggeln verhindern. Aus diesem Grund wurden die Führer der Schmugglerbanden als lokale Sicherheitsorgane angestellt. Darunter waren Pagider, Sideris, Tiganit, Maymu und der berühmte Manol Katorul...
Ayvalik hatte im Jahre 1900 internationale Beziehungen. Es gab Konsulate von Griechenland, England, Italien, Frankreich und Norwegen. Das Haus, wo sich die französische Kolonie getroffen hatte und an dessen Tür die Tafel - L'union de Paris - angebracht war, steht noch heute wie unangetastet da. Der hinter dem heutigen Postamt beginnende und sich nach Norden ausstreckende Bezirk war der bizarre Teil der Schmugglerstadt. Das Intellektuellenleben war dort zu Hause. Also die oberen Zehntausend, die Reichen, Hochschulabsolventen, die in Europa ausgebildet wurden, Philosophen, Fremdsprachenkundige, junge, zarte, Chopin spielende Mädchen. Es sah... wie das Boston des Ostens aus. Die schönen Straßen, Parkanlagen, die Universität, Biliothek, der Wohlstand, die Kultur und Vornehmheit der Bevölkerung machten die Stadt so berühmt.
Ayva
lik hatte damals zwölf Apotheken. Die meisten lagen im jetzigen Einkaufszentrum, wobei eine im damaligen Krankenhaus untergebracht war. Die eine diente zugleich als Medikamentendepot. Sie importierten Medikamente aus Frankreich und belieferten die umliegenden Ortschaften (Medikamentendepot von Nikolaki Mandi). Die Apotheke von Dr. Gouta war die berühmteste.Laut Nachforschungen aus dem Jahre 1905 weren 700 Arbeitnehmer in 80 Gärbereien und in zwei Lederfabriken beschäftigt. Leder wurde aus Bombay bezogen und qualitativ wie französisches Leder bearbeitet und exportiert.
Die Akademie von Ayvalik wurde im Jahre 1803 gegründet. Sie war eine Institution der reaktionären griechisch-orthodoxen Kirche in Westanatolien. Sie hatte immer eine provokante Rolle ausgeübt und viel Blutvergießen verursacht. Die Unruhestifter waren die Priester von Ikonomo, denen es gelungen war, die Autonomie der Stadt zu gewinnen, die Akademie von Picis Benyamin und die 1819 gegründete Druckerei von Konstantin Tobras. Picis Benyamin hatte in Bukarest Physik und Philosophie studiert. Tobras war ein Akademiestudent, der zwei Jahre vor der Gründung der Akademie zu dem berühmten Drucker Didot nach Paris geschickt wurde. Er lernte dort Druckertechniken kennen. Als er zurückkam, brachte er mit Hilfe von Didot die Druckmaschinen und die Druckerei in Gang. Will man die Wichtigkeit dieser Druckerei kurz erwähnen, muß man sich geschichtlich damit auseinandersetzen:
1726 gründete Ibrahim Müteferrika in der damaligen Hauptstadt Istanbul die allererste Druckerei. Erst im Jahre 1840 wurde von Sultan Abdülmecid die Existenz von Privatdruckereien erlaubt. Es war beachtlich, daß bereits im Jahre 1819 in Ayvalik eine private Druckerei war. Das war immerhin 21 Jahre früher als in Istanbul.
Die griechischen Politiker, die nichts anderes als Mega Idea im Sinn hatten und nichts anderes als die Besetzung Istanbuls und der fruchtbaren Gegenden Westanatoliens wollten, wurden nicht nur vom zaristischen Rußland und dem englischen Königreich unterstützt, sondern auch von der Kirche provoziert. So wurden auch die Akademie und die Druckerei in Ayvalik Zweck und Mittel dieser Gedanken. Die Seeschiffe mit den türkischen Flaggen, die die Küste Ayvaliks passierten, wurden vom Piratenschiff «Izbandut» angegriffen, geplündert, gekentert und die Brand gesteckt.
Nach Plänen der Großmächte, das osmanische Reich zu besetzen, beteiligte sich auch Griechenland, indem es die Griechen von Ayvali
k als Spione und Seeräuber arbeiten ließ.Als die osmanische Kriegsregierung dies bemerkte, wurde ein Großteil der Griechen nach Mittelanatolien deportiert. Auf ihren Wohngebieten wurden die vom Balkankrieg schwer angeschlagenen Bosniaken untergebracht. Womit die Großmächte, die Griechen von Ayvalik und Griechenland nicht gerechnet hatten war, daß sich die Türken schon fest zur Verteidigung des Landes entschlossen hatten.
So begann im Jahre 1914 die Zerstörung und der Krieg. Griechen nannten diese Zeitspanne «große Katastrophe, megali kadastrofi» oder «Kleinasienkatastrophe».